Mehr als 100 Teilnehmende aus Zivilgesellschaft, Politik, Gewerkschaften, Wirtschaft und Wissenschaft kamen am 6. Oktober 2026 bei Brot für die Welt zum Rohstoffgipfel zusammen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Deutschland und Europa mit dem wachsenden Bedarf an kritischen Rohstoffen umgehen sollen. Die Diskussion führte von Deutschland über Portugal bis nach Argentinien und nahm dabei sowohl die Auswirkungen des Bergbaus als auch die Regeln für internationale Lieferketten in den Blick.
Der weltweite Wettlauf um kritische Rohstoffe erhöht nach Darstellung der Veranstaltung den Druck auf Umwelt und Menschen in den betroffenen Regionen. Während Regierungen und Unternehmen den Zugang zu diesen Rohstoffen sichern wollen, geht es zugleich um Beteiligung, Menschenrechte und die Kontrolle von Umweltstandards. Das klingt nach einem ziemlich großen Paket für einen einzigen Konferenztag – und genau deshalb passt die schnelle Lösung „einfach mehr abbauen“ offenbar nicht hinein.
Nik Völker von MiningWatch Portugal berichtete über verschiedene Projekte in Portugal. Dabei ging es um mangelhafte Beteiligung, Umweltverstöße und wenig transparente Genehmigungsverfahren. Nach seiner Darstellung handelt es sich dabei nicht um Einzelfälle. Auch aus anderen Ländern wurden vergleichbare Beobachtungen in die Debatte eingebracht.
Pía Marchegiani formulierte das grundsätzliche Spannungsfeld besonders zugespitzt: „Nachhaltiger Bergbau ist ein Oxymoron. Bergbau hat eine lange Geschichte und er war nie sauber, er war nie nachhaltig. Aber wir brauchen ihn für unsere Wirtschaft, für unser kapitalistisches System. Aber wir müssen ihm Grenzen setzen.“ Die Diskussion zielte damit nicht auf ein pauschales Verbot aller Primärrohstoffprojekte. Ebenso wenig sollte jedes Vorhaben unabhängig von seinen Folgen umgesetzt werden.
Diese Abwägung wird durch die neue Liste der Strategischen Projekte der Europäischen Union dringlicher. Die Liste wurde am 9. Oktober 2026 veröffentlicht. Die Europäische Kommission will bei ausgewählten Rohstoffprojekten die Genehmigungsverfahren beschleunigen und bewertet sie als Projekte von überragendem öffentlichem Interesse. In Deutschland betrifft das laut den vorliegenden Angaben die beiden Extraktionsprojekte Zinnwald Lithium in Sachsen und Neptune Energy in Sachsen-Anhalt.
Matthias Koehler, Ministerialdirigent im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, betonte die Rolle verbindlicher Standards. Deutschland sei eine Demokratie und ein Rechtsstaat, in dem Gesetze angewendet würden. Für den Bergbau im eigenen Land wolle sein Haus „mehr Bergbau nach Standards ermöglichen“. Auch international sollten Standards den Zugang zu Rohstoffquellen begleiten.
Dass Standards wichtig sind, war auf dem Gipfel weitgehend unstrittig. Die schwierigere Frage lautet: Wer kontrolliert sie, und was geschieht bei Verstößen? Nach der Diskussion sollten Umwelt- und Sozialstandards nicht abgeschwächt werden. Außerdem müssten die kumulierten Wirkungen verschiedener Projekte bereits vor einer Entscheidung berücksichtigt werden. Gerade bei Kontrolle und Vollzug bestehe Nachholbedarf.
Ein weiterer Schwerpunkt war das Lieferkettengesetz. Auf europäischer Ebene wird derzeit über Vereinfachungen gesprochen. Mehrere Teilnehmende warnten davor, bestehende Regeln dadurch zu schwächen – insbesondere, weil bereits die Umsetzung eine Herausforderung darstellt. Benjamin-Immanuel Hoff von der IG Metall widersprach der Forderung, Umwelt- und Sozialstandards zugunsten der Wettbewerbsfähigkeit abzusenken. Das Argument, so Arbeitsplätze in der Industrie zu retten, überzeuge ihn nicht. Die Probleme dürften nicht auf Beschäftigte im Ausland abgewälzt werden.
Am Ende zeichnete sich vor allem bei der Kreislaufwirtschaft ein gemeinsamer Nenner ab. Sie soll in der Rohstoffpolitik künftig eine deutlich größere Rolle spielen, um Umweltbelastungen und Abhängigkeiten zu verringern. Der NABU und der AK Rohstoffe setzen sich nach eigenen Angaben seit Jahren dafür ein, den Bedarf an Primärrohstoffen zu senken, Materialkreisläufe zu schließen und ökologische Belastungsgrenzen zu berücksichtigen.
Dazu wurde das Papier „Rohstoffwende jetzt! Fakten und Forderungen für eine zukunftsfähige Rohstoffpolitik“ aktualisiert. Gefordert werden darin unter anderem eine konsequente Kreislaufwirtschaft, ambitionierte Ziele für Ressourceneffizienz, wirksame Beteiligung sowie die Einhaltung von Umwelt- und Menschenrechtsstandards entlang der gesamten Lieferkette.
Die zentrale Frage bleibt damit erstaunlich schlicht: Wie viel Rohstoff wird tatsächlich gebraucht – und wie lässt sich dieser Bedarf decken, ohne Umwelt, Menschenrechte und Beteiligung aus dem Bild zu schieben? Neue Minen können Teil der Debatte sein. Als alleinige Antwort reichen sie nach dem Rohstoffgipfel jedoch nicht aus. Ich finde: Wenn ein System ständig neue Löcher gräbt, sollte man vielleicht auch prüfen, ob irgendwo schon genug Material herumliegt. Genau dort beginnt die Kreislaufwirtschaft.
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Rohstoffgipfel: Warum neue Minen allein keine Lösung sind
Beim Rohstoffgipfel 2026 diskutierten mehr als 100 Menschen über Bergbau, Lieferketten und die Zukunft der Kreislaufwirtschaft. Einigkeit gab es vor allem bei einem Punkt: Umwelt- und Menschenrechtsstandards dürfen nicht dem Rohstoffdruck geopfert werden.
